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POESIEGESPRÄCH: MIRCEA CĂRTĂRESCU

Ich kann mehr Farben sehen als Andere

Mircea Cărtărescus Texte sprechen über Tod und Ruhm, sind Liebesgedichte an Natalie Wood, die Beatles und Bob Dylan, aber auch die Gedichte eines Flaneurs in Bukarest. Im Gespräch mit seinem Übersetzer Ernest Wichner.

E.W. Lieber Mircea Cǎrtǎrescu, bevor du begonnen hast, Prosa zu publizieren, hast du Gedichte geschrieben und veröffentlicht. Du hast im Jahre 1987 mit Gedichten debütiert, und dein erster Gedichtband „Faruri, vitrine, fotografii“ (Scheinwerfer, Schaufenster, Fotos) ist 1980 erschienen, da warst du gerade mal vierundzwanzig Jahre alt. Dein erstes Prosabuch ist dann 1989 noch unter den Bedingungen der kommunistischen Zensur erschienen und dann in seiner unzensurierten Originalfassung und mit einem neuen Titel, nämlich „Nostalgia“, im Jahre 1993. Also bist du ein Jahrzehnt deiner literarischen Existenz Dichter gewesen, ja sogar der Dichter der Generation der Achtziger Jahre. Aber mit der Veröffentlichung von „Nostalgia“ verändert sich das Bild, und wahrscheinlich verändert sich auch die Existenz des Schriftstellers Mircea Cǎrtǎrescu, der ein bedeutender Prosaschriftsteller mit einem in verschiedene Gattungen ausgreifenden Werk wird: Es entstehen Romane, Erzählungen, Publizistik, Essayistik, ein umfangreiches Tagebuchwerk …

M.C. Ich verspüre da keinerlei Unterschied: Schon als Gymnasiast wollte ich nichts anderes als Literatur schreiben, schlicht und einfach, ohne dass mich die literarischen Gattungen und Genres bekümmert hätten. Und ich bin immer der gleiche geblieben, der ich von allem Anfang an war. Ich habe beispielsweise meine erste Eintragung in meinem persönlichen Tagebuch, das ich bis heute führe, am 15. September 1973 getätigt, da war ich siebzehn Jahre alt. Nun lese ich diesen Eintrag und kann überhaupt keinen Unterschied zu der letzten Seite feststellen, die ich eben geschrieben habe. Es ist der gleiche Mensch, der gleiche Stil, es sind die gleichen obsessiven Gedanken. In meinem soeben erschienenen Buch „Melancholie“ habe ich ein Gedicht aufgegriffen, das ich mit neunzehn Jahren geschrieben habe, und nach dessen Struktur ist nun dieses ganze Prosabuch aufgebaut. Wer die Chronologie meiner Bücher nicht kennt, wird nicht wissen können, welche zuerst und welche zuletzt geschrieben wurden. Alle durchzieht der gleiche Saft, alle sagen sie das Gleiche, aber auf sehr verschiedene Weise. Die Gedichte, mit denen ich angefangen habe, waren sehr umfangreich, und einige davon sahen wie Prosastücke aus, wohingegen meine Romane mitunter wie Gedichte wirken. Ich fühle mich als integraler Autor, der in allem und jederzeit seinen ganzen Körper gleichzeitig mit zum Ausdruck bringt.

E.W. Immer wieder aber, wenn wir eines deiner Prosabücher auf Lesungen vorgestellt haben, kürzlich erst den Roman „Solenoid“, aber auch vor ein paar Jahren den 3. Band der „Orbitor“-Trilogie oder die Erzählungen aus „Die schönen Fremden“, hast du im Gespräch mit dem Publikum gesagt, dass es dir bei deinem Schreiben von allem Anfang an und bis auf den heutigen Tag um nichts anderes ging und geht als um die Poesie. Könntest du uns diese Äußerung etwas ausführlicher erläutern? Ist Poesie für dich jenseits von literarischen Gattungsgrenzen eine Weise, sich mit der Welt in Beziehung zu setzen, zur Existenz, zum Kosmos – also eine Lebensweise und weniger eine im engeren Sinne literarische oder ästhetische Disziplin?

M.C. Ich habe darüber unzählige Male schon geschrieben. Das Wort Poesie ist vieldeutig und deshalb sehr trügerisch. Die meisten Menschen bringen Poesie mit jenen Texten in Verbindung, die an ihrem rechten Rand unregelmäßig, also flatterhaft sind, wo nicht jede Zeile bis an ihr Ende gebracht wird wie im Fall der Prosa. Andere denken, Poesie sei eine bizarre, interessante Sprechweise, weil sie nicht dem gewöhnlichen Sprechen gleicht. In Wirklichkeit hat Poesie nur in einer ihrer sehr schmal gefassten Definitionen etwas mit einer solchen Sprechweise zu tun. Die Poesie-Bücher sind Brunnen im Meer. Darin gibt es gewöhnlich überhaupt keine Poesie, wenn aber doch, dann eher ausnahmsweise. Dichter ist nicht derjenige, der ein oder mehrere Gedichtbücher geschrieben hat. Manchmal, eher zufällig, schreiben die Dichter auch Poesie, stimmt schon, aber dann müssen sie Poeten gewesen sein, bevor sie irgendetwas geschrieben haben. Denn Poesie ist, grundsätzlich, eine schräge, eine spezielle Weise, die Welt zu betrachten. Dichter ist jemand, der die außergewöhnliche Schönheit der Welt sieht, wie sie sich in jedem ihrer Details abbildet, frisch und überraschend, so wie uns allen mit zwei oder drei Jahren, wenn wir alle Dichter sind, die Welt vorkommt. Die psychische Revolution im Alter von vier Jahren verwandelt uns fast alle in Prosaautoren. Es bleiben nur ein Paar Frauen und Männer übrig, bei denen aufgrund irgendeiner rätselhaften Anomalie dies nicht geschieht, und die ihr Lebtag fremd bleiben, seltsam und unangepasst, denn technisch verbleiben sie bis ins hohe Alter im geistigen Alter von zwei-drei Jahren. Sie sind Dichter, mithin diejenigen, die dazu in der Lage sind, Schönheit und Gnade nicht allein in der Natur zu erkennen, sondern auch in den Wissenschaften, in den Künsten, in der Mathematik, in Philosophie und Theologie. Ja sogar in Gedichtsammlungen. Poesie tritt folglich überall dort auf, wo unser Verstand von der wie selbstverständlich vorhandenen Schönheit gedemütigt wird. Ich selbst suche die Poesie beispielsweise in allem, was ich lese. Nicht die Personen interessieren mich in der Prosa, die Narration, die Komposition, sondern die Tröpfchen reiner Poesie, die alles andere an Ort und Stelle fixieren. Ohne sie ist jeder Roman nichts als ein Bretterhaufen. Die Literatur insgesamt, wie jede andere menschliche Tätigkeit, die wir uns vorstellen können, ist eine Anstrengung, vermittelst spezifischer Instrumente und Verfahrensweisen des entsprechenden Berufs zur Poesie zu gelangen. Niemand weiß, wie das funktioniert, aber diejenigen, die Literatur schreiben, wissen, dass es mal funktioniert hat, und hoffen, es funktioniert auch in ihren Händen. Wenn sich ein Dichter unter sie verirrt, benutzt dieser das literarische Instrument auf ganz natürliche Weise, wie wir uns unserer Hände und Füße bedienen: Wir müssen ihnen keine Befehle erteilen, damit sie sich in Bewegung setzen. Ein Autor, der kein Dichter ist, betrachtet seinen Finger und sagt streng: beweg dich! Und dann wundert er sich, dass der Finger ihm nicht gehorcht. Einem Dichter ist die ganze Welt Körper und Musikinstrument.
Und, ja, ich betrachte mich als Dichter, ich glaube, ich war nie etwas anderes, und ich glaube, dass alles, was ich jemals geschrieben habe, die Romane mit hunderten von Seiten, Essays, Gedichte oder Zeitungsartikel, wenn es überhaupt einen Wert hat, Poesie ist.

E.W. Ich habe in meiner Bibliothek Ordnung geschaffen, das heißt, ich habe es versucht, und dabei ist das passiert, was eigentlich immer geschieht: Ich hatte plötzlich ein Buch von Gheorghe Crǎciun in der Hand, den ich persönlich erst kennenlernte, als er etwa Mitte der 90er Jahre in Berlin eine Lesung hatte. Und anstatt dieses Buch (Der Körper weiß mehr. Falsches Tagebuch zur Russischen Puppe. 1993-2000) zu den anderen Büchern von Gheorghe Crǎciun zu stellen, fing ich an, darin zu lesen, bis ich auf eine Passage stieß, die ich dir hier zitieren möchte:
„Innere Unruhe und die Unruhe deiner öffentlichen Person. Was mich aufregt, ist die Tatsache, dass diese zweite stets steril bleibt. In meinem persönlichen Bewusstsein ist die Tat dem Zustand unterlegen. Denn allein der Zustand kann ins Schreiben verwandelt werden.“ Also spricht auch Gheorghe Crǎciun in gewisser Weise von der Poesie – eine zufällige Koinzidenz, aber vielleicht auch etwas mehr?
Und damit ich nicht in deinen mittlerweile drei veröffentlichten Tagebuchbänden das Bild von dir als öffentlicher Person suchen muss, frage ich dich gleich direkt, wie du das Verhältnis von dir selbst als Autor zu dir als öffentlicher Person siehst, und anschließend, wie dein Verhältnis zu deinen Lesern sich gestaltet.

M.C. Gheorghe Crǎciun, den du hier erwähnst, ist ein ernsthafter Mensch. Deshalb möchte ich ihn nicht stören, vor allem, weil ihm das Erlebnis der Ewigkeit einiges abverlangen wird.
Ich bin keine öffentliche Persönlichkeit, ich habe nicht einmal ein öffentliches Gesicht. Weder will noch kann ich einer der bekannten Menschen sein, auf die alle hören und denen alle folgen. Nicht das wünsche ich mir vom Leben. Deshalb gibt es bei mir auch nicht die Umtriebigkeit einer öffentlichen Person.
Wir haben schon öfter über meine Tagebücher gesprochen, von denen ich alle sieben Jahre einen Band veröffentliche. Dazu sagte mal ein Freund zu mir: „Wir haben uns in all den Jahren, in denen du Tagebuch schreibst, beinahe täglich getroffen, und doch tauche ich darin kein einziges Mal auf.“ Es tut mir leid, wenn dieser Freund und einige weitere Freunde und Bekannte traurig oder enttäuscht sein sollten. Aber ich schreibe in meinem Tagebuch nicht über Leute und Dinge. Ich habe all denen nichts zu sagen, die daraus ersehen wollen, wen ich liebe oder hasse. Ich schreibe über mich mit – wie bei einer beschädigten Puppe – nach innen gerichtetem Blick. Ich will nur meinen eigenen Kopf beschreiben, der mich immerzu überrascht, wie einer jener schweren, metallisch schimmernden Käfer, die es nicht geben müsste. Ich erhebe keinen Anspruch auf Universalität oder Allwissenheit. Ich bin lediglich ein Autor von Literatur, kein Historiker, Philosoph, Gelehrter, Aktivist, Ideologe, Politologe, Moralist, Chiromant oder Geburtshelfer.
Oder aber ich bin all dies nach Maßgabe der Freiheit meines Denkens. Und vermittels dieser schlichten Tatsache bin ich auch Staatsbürger, Demokrat, ein Mensch, der an den Wert und die Würde jedes einzelnen Lebens glaubt. Dies ist die Verbindung zwischen dem, was der Künstler in der Intimität seines Arbeitszimmers tut, und seinem zivilen Verhalten in der Außenwelt: ein freier, offener Geist ohne Emphase und ohne Verkrampfung.
Und was meinen Leser betrifft, der ist wie das Publikum des Schauspielers: verloren in der Dunkelheit des Saales, in dem man Tausende Augen glänzen sehen kann. Wichtig ist, dass die Bühne beleuchtet ist, und der Zuschauer bescheiden in seinem Sessel sitzt. Wenn ich hin und wieder auf Festivals oder auf der Straße Leuten begegne, die mir sagen, dass sie meine Bücher gelesen haben, weht mich das seltsame Gefühl an, das vielleicht auch ein Schauspieler hätte, wenn ein Zuschauer auf die Bühne gerannt käme und ihn umarmte: größte Freude, aber auch höchste Verlegenheit. Im vergangenen Jahr sagte mir in Bogota ein junger Mann, der sich eine Widmung geben ließ: „Ihr Buch hat mein Leben verändert.“ Damals haben mich diese Worte erstarren lassen, denn das ist zu viel an Verantwortung. Ich habe nichts Schöneres und Beängstigenderes zugleich jemals zu hören bekommen.

E.W. Lass uns über das erste Gedicht in deinem Gedichtband „Scheinwerfer, Schaufenster, Fotos“ von 1980 sprechen, das – welch eine merkwürdige „Koinzidenz“ – den Titel „Der Niedergang“ trägt, ebenso wie das Großgedicht, das die (namenlose) Hauptperson in deinem Roman „Solenoid“ verfasst hat, die von sich sagt: „Auch ich habe 1976 ein paar Monate, während ich „Der Niedergang“ geschrieben habe, wie die Götter gelebt, und danach hat mein Leben, das sich mit größter Natürlichkeit zur Literatur hin hätte öffnen müssen, […] ganz plötzlich eine andere Wendung genommen, beinahe grotesk, wie man eine Weiche an einer Bahnstrecke umlegt. Ich wurde von Hölderlin zu Scardanelli, dreißig Jahre lang eingeschlossen in einem Turm, den Jahreszeiten enthoben.
„Der Niedergang“ war kein Gedicht, sondern das Gedicht. Es war ‚jener einzige Gegenstand, durch den sich das Nichts selbst ehrt‘. Das ultimative Produkt von zehn Jahren literarischer Lektüre. Zehn Jahre lang hatte ich zu atmen vergessen, zu husten, mich zu erbrechen, zu niesen, zu ejakulieren, zu sehen, zu hören, zu lieben, zu lachen, weiße Blutkörperchen zu produzieren, mich mit Antikörpern zu schützen, ich hatte vergessen, dass mein Haar wachsen und meine Zunge mit ihren Papillen Speisen schmecken musste.“
Ich glaube ja, dass der Autor Mircea Cǎrtǎrescu nicht nur hinsichtlich dessen, was die Beschreibung dieses Gedichts in „Solenoid“ betrifft, jenem Erzähler sehr nahe kommt. Aber vielleicht kannst du uns in etwas weniger dramatischen Sätzen beschreiben, auf welche Weise dein Schicksal als Autor mit jenem Großgedicht verbunden ist. Ich habe dieses Gedicht erst heute gelesen, und zwar als einen wie collagierten Text – zumindest montiert –, vielleicht nicht unbedingt aus Fremdtexten, sondern schon eigenen, so genau weiß ich dies allerdings bei einem rumänischen Gedicht nicht zu sagen. Jedenfalls verbinden sich hier unterschiedliche Sprechweisen, unterschiedliche Stil-Höhen (?) und verschiedene Tonlagen. Hin und wieder hatte ich den Eindruck, hier führt uns ein junger Dichter sein Musterbuch vor: Seht her, was ich kann, und gebt eure Bestellungen auf, ich bediene euch zuverlässig …
Jenseits dieses Eindrucks oder von seiner ernsthafteren Rückseite her betrachtet, erkennt man ziemlich deutlich die Ouvertüre zum Cǎrtǎrescu-Kosmos; ich glaube schon, dass ich die Bedeutung (das spezifische Gewicht) eines Textes wie dieser es ist, für einen jungen Dichter jener Zeit erkennen kann.

M.C. Mit neunzehn Jahren habe ich im Herbst 1975 die Aufnahmeprüfung an der Philologischen Fakultät der Universität Bukarest abgelegt und wurde zum Studium zugelassen. Dann wurde ich sogleich, wie alle anderen Jungs, die diese Prüfung bestanden hatten, zum Militärdienst eingezogen. Ich habe neun Monate schwersten Militärdienst abzuleisten gehabt, der mich beinahe umgebracht hätte. In den Ländern des Ostblocks herrschten diesbezüglich ganz schreckliche Verhältnisse. Während dieser neun Monate hatte ich lediglich drei Tage Freigang. Ich habe nichts gelesen und nichts geschrieben, denn das war verboten. Im Sommer darauf kehrte ich nach Hause zurück und nahm mein schon damals recht klar konturiertes Lebensprojekt wieder auf. Ich wusste, dass ich Schriftsteller sein werde. Ich schrieb schon seit drei Jahren Tagebuch, ich hatte Gedichte und Erzählungen geschrieben, jetzt aber wollte ich auf ein anderes Niveau hinüberwechseln, ich wollte professionell schreiben. Also begann ich im Sommer 1976 zwei neue Projekte: ein Langgedicht und einen Roman. Vom Roman habe ich etwa fünfzig Seiten geschrieben und ihn dann aufgegeben. Es sollte ein Roman in Sonettform werden: vierzehn Kapitel, die sich zu je zweien wie Reime aufeinander bezogen … Das Gedicht aber habe ich in einem Monat niedergeschrieben. Es folgte dem Modell der Cantos von Ezra Pound, den Maximus-Gedichten von Charles Olson und, selbstverständlich, Waste Land von T.S. Eliot. Das waren meine zu jener Zeit bevorzugten Dichter. „Der Niedergang“ sollte ein universelles Gedicht sein, ein Absturz aus der Sphäre des Geistes in jene des Fleisches, aus dem Paradies in die Hölle, und zwar in einer weit ausgreifenden Bewegung, über sieben Etappen. Da gab es sieben Umdrehungen der Spirale, anfangs weit und in majestätischer Gebärde ausholend, dann immer schneller, enger und aufgeregter werdend. Auch hatte ich eine Korrespondenzen-Tabelle vor Augen, als ich das Gedicht schrieb – sieben Farben, sieben Metalle, sieben Künste usw. Das Gedicht war montiert, eine Collage aus Sachen, die ich geschrieben hatte, und anderem Material, vermengt bis zur Unkenntlichkeit. „Der Niedergang“ war das erste Gedicht, das ich in dem damals berühmten Montagskreis vorgelesen habe, wo es mit Verwunderung und verbunden mit großen Erwartungen an seinen Autor aufgenommen wurde. Und danach war es das erste Gedicht, das ich veröffentlicht habe.
Ich habe dann nie wieder in diese „kulturalistische“ Richtung geschrieben, denn bald danach habe ich die Beat-Dichtung entdeckt und bin in eine andere Etappe eingetreten, aber ich meine schon, dass ich damals in meiner frühen Jugend beim Schreiben des „Niedergang“ sehr viel gelernt habe. Und als ich „Solenoid“ geschrieben habe, wurde dieses Gedicht zum Umschlagpunkt des Romans. Das war ein sehr glücklicher Einfall, denn jetzt kommt es mir so vor, als gäbe dies meinem Schreiben etwas auf besondere Weise Abgerundetes und es fände darin ein Dialog über weite zeitliche Abstände statt. In meinem zuletzt erschienenen Prosabuch „Malancolia“ (2019) habe ich ein Gedicht, das ich mit siebzehn Jahren geschrieben und dann verloren hatte, als tragendes Element benutzt, ich erinnerte mich nach fünfundvierzig Jahren wieder daran, anscheinend nur, damit es in das neue Buch aufgenommen werden konnte.

E.W. Ich glaube ja, dass jene „kulturalistische“ Linie sich in deiner Dichtung noch eine Weile in einer etwas temperierteren Form fortgesetzt hat, etwa bis zum Beginn des Zyklus‘ „Fotos“. Hier greift das lyrische Ich vielleicht sogar in Gestalt eines alltäglichen Ich ein: „ich betrachte ein Foto …“; wir werden an der Hand genommen und nehmen Teil oder assistieren bei einem Prozess, der im Namen der Poesie auf eine Enthierarchisierung zustrebt: Von nun an können wir über alles, was uns begegnet, in Versen sprechen, die poetische Sprache ist nichts anderes als die Alltagssprache – der Rest oder das „emphatische“ Surplus haben sich „im sichtlichen Erzittern des Glases bei der Berührung durch meine Hand“ versammelt.
Diese Veränderung hattest du schon in der Antwort auf die vorherige Frage vorweggenommen, aber mich würde mal interessieren, wie damals – im akulturellen Kommunismus Ceauşescus, als die Bedürfnisse der Menschen entweder negiert oder ideologisiert wurden – ein Gedicht gelesen wurde, das davon spricht, was man sehen, was man mit den Fingern ertasten kann, und in dem „wir lediglich leben, aber keinerlei Substanz besitzen“?

M.C. Ja, als ich meinen Kollegen begegnete, den Dichtern, die schon in den von dem Kritiker und Hochschullehrer Nicolae Manolescu geleiteten „Montagskreis“ gingen, veränderte sich mein Schreiben unter ihrem Einfluss. Ich entwickelte allmählich das Bewusstsein, einer Generation anzugehören, und begann, selber auch an die Losungen der Achtziger zu glauben, daran, dass das Gedicht „auf die Straße herabsteigen muss“, „von der Wirklichkeit sprechen muss“, an die „neue Sensibilität“ usw. Bis dahin war ich ein einsamer Dichter. Von 1978 an wurde ich zum Beatnik, ein Anhänger jener kulturellen und literarischen Atmosphäre, die der aus San Francisco zehn Jahre davor glich, während des Flower-Power. Zusammen mit meinen Freunden glaubte ich an eine grundlegende Veränderung der rumänischen Poesie. Mein Schreiben hat sich in zwei bis drei Jahren verändert, es ist schneller geworden, ironischer, tragi-komischer, mehr der Wirklichkeit verpflichtet. Bei alledem habe ich jedoch stets versucht, mir das zu bewahren, was allein mir gehörte: den visionären Charakter der Poesie, den beinahe religiösen Glauben an die Literatur.
Das Poesie lesende Publikum, ebenso wie diejenigen, die sich lediglich in literarischen Zirkeln Gedichte anhörten, waren glücklich über die neuen Gedichte, die ich schrieb. Meine Achtziger-Phase dauerte etwa sieben Jahre, in denen ich vier Gedichtbände veröffentlichte, die allesamt hervorragend aufgenommen wurden, trotz der Verstümmelungen durch die Zensur. In jenen traurigen Zeiten freuten sich die Leute über alles, was wahrhaftig war, nicht ideologisiert, über wahre Kunst – soweit es eine solche noch geben konnte. Und es gab sie noch, trotz der Bestrebungen des Repressionsapparats, sie zu vernichten. Die jungen Dichter erfreuten sich damals eines untergründigen und randständigen Ruhmes, der dazu beitrug, dass ihre Dichtungen zu den Menschen gelangten. Trotz der schrecklichen Verhältnisse im letzten Jahrzehnt des rumänischen Kommunismus versuchten meine jungen Kollegen und ich, beim Schreiben uns unsere innere Freiheit zu bewahren. Das war die Botschaft, die wir in die Welt hinaus schickten: Noch haben sie uns nicht ganz zerschmettert, noch widerstehen wir, noch können wir den Menschen den Geschmack der Freiheit vermitteln. Nicht allein die Anspielungen auf die Diktatur und das alltägliche Elend waren in unseren Gedichten subversiv, sondern auch der gesamte Rest: ihr Ton, ihr Sarkasmus, die Entwürfe einer utopischen Welt, die stets der westlichen Welt näher kamen als der, in der wir tatsächlich lebten. Selbst unsere Liebesgedichte waren subversiv, etwa so, wie die Musik der Beatles es in Maos China gewesen wäre.

E.W. Ich habe die ersten drei der zwölf Georgica-Gedichte übersetzt, die auch in deinem ersten Gedichtband standen und eine, wie ich finde, völlig andere Seite deiner Poesie jener Zeit zu erkennen geben: Ironie, Spielfreude, Humor und eine geradezu spaßhaft-heitere Diktion – ich habe eher an Heine als an Vergil gedacht. Ich habe diese Gedichte erst einmal nur für mich übersetzt, um (1.) zu sehen, ob sich ihre Charakteristik auch in die Übersetzung überführen lässt, und (2.) in unser Gespräch auch mal Gedichte aufzunehmen und nicht ständig unter Absehung der Texte selbst über Poesie zu sprechen. Würdest du uns bitte sagen, wie es dazu kam, dass du diese zwölf „Georgica“ geschrieben hast?

Georgica I

entsetzt ackert der bauer
fröhlich sein feld im jungen bäumchendickicht
reißt mit der pflugschar die bizarre wurmdurchzogene furche auf
im fernhsehbericht wächst und gedeiht das getreide
schiebt sich wie von selbst in den kathodischen rachen
der krähen. kra, du fatalist
die erde ist ein auge besamt mit bildern, worauf
bezahnte würmer grasen zum schweigen gebracht
von schleierfischen aller art. althergebracht der bauer
und völlig von der rolle zieht die klospülung im bad
und schneefall setzt ein über seiner karnivoren haut
mit puffmaisflocken und gib uns oh herr unser täglich brot
damit wir unter der kruste die kognakflasche verstecken
und ein eisenbett mit dem mond als leintuch
mit goethe als grab und dem bauern
vom weizen entsetzt
als epitaph

Georgica II

an karfreitag bindet der bauer
seine kinder an nußbäume und zaunlatten fest
träufelt ihnen rinofug in die nasen meine früchtchen
kümmert euch um die ernte denn ich gehe
in den keller runter dort zeigen sie einen film
über das hühnervolk das in elektrischen ställen etc.
haut etwas kraut in die pfanne legt musik auf
greift euch ein paar klamotten und zieht
den hügel mit den blauen furchen auf dem foto hinauf
und ihr gelangt in das land paris match
wo die frauen in der puderdose baden
und ihr gelangt ins land chanel
dort vernascht ihr schnell eure brosamen
ändert eure namen
fallt aus dem rahmen
und verfasst die postumen dramen …

Georgica III

im schlaf spricht der bauer
direkt mit den überaus nützlichen dingen
mit öfen kochmaschinen und emaillierten töpfen
mit geflügel und schweinen ihr jungs
sagt er und die jungs entspringen seinem mund
mit einem geruch nach grund und boden
wenn ich sterbe sagt er und stirbt und wird beklagt
vom versammelten dorf den verwandten aus den haag
und amsterdam es werden fotos gemacht
ein lateinisches verb wird gebeugt und der bauer
korrigiert die fehler ihr jungs beackert weiter
das fruchtbare feld und ihr werdet auf eine bombe stoßen
die nicht explodiert ist und nicht mal getauft
tauft ihr sie mit etwas sherry oder triple sec
vertreibt die filmenden krähen
wechselt die rolle zelluloid in der kamera dann die strategie
und vergesst nicht dass jesus euch sieht
auch octavian goga und die heilige maria
meine früchtchen sagt der bauer noch schlaftrunken
weckt mich auf denn der dorfpolizist ist hinter mir her
mit dem gummiknüppel

M.C. Meine Freunde hatten begonnen, Gedichte mit „Personal“ zu schreiben, beispielsweise Gedichte mit der Infantin aus dem Band „1, 2, 3 oder …“ von Traian T. Coşovei. Ich wollte auch etwas Ähnliches schreiben, aber eher in politischer Gestalt, eine Satire über die rumänische Welt des letzten kommunistischen Jahrzehnts. So kam es zu dem Zyklus mit zwölf kurzen, „Georgica“ genannten Gedichten, in denen ich das idyllische Bild des Bauers in der rumänischen Kultur und vor allem im Sozialismus ironisierte. Ich erfand eine groteske Gestalt, so eine Art Comicfigur, der ich die Gattungsbezeichnung „Bauer“ anheftete und die ich in allerlei komischen Situationen agieren ließ. Diese Gedichte hatten zu ihrer Zeit sehr viel Erfolg, wenn sie in Zeitschriften gedruckt wurden, waren sie stets zensuriert, aber sie wurden oft in subversiven Zusammenkünften gelesen. Ich verfolgte diese Richtung allerdings nicht weiter, denn ich hatte in der Poesie wichtigere Dinge zu sagen. Zu meiner satirischen Seite fand ich dann erst nach vielen Jahren wieder zurück, etwa in den Prosastücken der „Schönen Fremden“ oder im dritten „Orbitor“-Band, der eine große, Satire in Stile Swifts auf den rumänischen Nationalismus und Kommunismus ist.

E.W. Nun muss ich dich fragen, ob „Der Westen“, das Gedicht, mit dem der recht umfangreiche Band deiner gesammelten Gedichte endet, der 2015 bei Humanitas in Bukarest erschienen ist, tatsächlich dein letztes Gedicht ist und dies auch bleiben wird. Denn dort nimmst du Abschied von der Dichtung, und dein dichterisches Werk endet mit „Ich kann nicht mehr. / Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!“ Ich habe, als ich dieses Gedicht zum ersten Mal gelesen habe, nicht wirklich geglaubt, dass dies einmal deine letzten in einem Gedicht ausgesprochenen Worte sein werden. Solltest du seit 2001, als ich dieses Gedicht zum ersten Mal sah, und bis heute keine weiteren Gedichte mehr geschrieben haben? Oder ist etwa das Gedicht selbst die Antwort auf meine Frage?

M.C. Ich habe seit gut dreißig Jahren keine Gedichte mehr geschrieben, denn zu Beginn der 90er Jahre hatte ich das Gefühl, zu viele Gedichte geschrieben zu haben. Ich hatte schon sechs stattliche Gedichtbände veröffentlicht und ich würde zwei Jahrzehnte danach noch einen veröffentlichen, den ich ebenfalls damals geschrieben und in einer Schuhschachtel vergessen hatte, weil mir seine rein prosaische Manier nicht behagte. Der Band hieß „Nichts“ und war meinem Aufbegehren gegen meine eigene Dichtung geschuldet, jener des Bandes „Alles“. Wie Heidegger schrieb, ist das Ganze vom Nichts umgeben und winzig klein angesichts des grenzenlosen Nichts ringsum. Dieses Nichts, diese Nicht-Poesie wollte ich meiner bis dahin als zu opulent empfundenen Poesie gegenüberstellen.
Und in den neunziger Jahren habe ich auch die epische Dichtung „Die Levante“ geschrieben, siebentausend klassische Verse, eine weitere schier gewaltsame Reaktion gegen meine gewöhnliche Dichtung, diesmal in Gestalt einer Art Versroman in einem alten Rumänisch, der die gesamte Geschichte der rumänischen Dichtung enthielt. Aber mein großer Ausbruch aus der Poesie vollzog sich durch den Übergang zur Prosa, zum Roman und den Erzählungen, ein Bereich, der mir in den letzten drei Jahrzehnten die größte Genugtuung verschafft hat und mich auch heute noch fasziniert.
Ich hatte mir in all diesen Jahren nicht vorgenommen, keine Gedichte mehr zu schreiben, aber ich hatte keine Zeit und keine Ressourcen mehr dafür, weil ich diese in meinen Prosatexten verbraucht habe, die, wie ich denke, mehr Poesie enthalten als meine Gedichtbände. Denn alle meine Romane und Erzählungen sind Poeme, die aus reiner Inspiration und ohne einen vorher fixierten Plan geschrieben wurden, ebenso ohne redigiert worden zu sein und ohne den Wunsch, damit irgendwo hin zu gelangen. Sie sind Akte reinsten Lebens und reinster Geistestätigkeit – wie jedes lebendige Gedicht. Ich habe in diesem Jahr neuerlich Gedichte geschrieben, und zwar in mehreren zwanghaften Schüben, die mich überrascht und verwundert haben. Mehrfach habe ich in einem frenetischen und Trance-Zustand bis zu zwanzig Gedichte an einem einzigen Vormittag in mein Tagebuch geschrieben, so dass ich nun etwa achtzig neue Gedichte habe, die ich in einem Quartheft aufbewahre. Ich will sie nicht veröffentlichen, will überhaupt nichts mit ihnen tun. Sie haben mir eine grenzenlose Freude bereitet, und das reicht. Sie werden meine Gedichte mit nur einem einzigen Leser sein.

Die Originalversion des Poesiegespräches auf Rumänisch finden Sie auf der Englischen Seite.

Mircea Cărtărescu (geboren 1956 in Bukarest) ist einer jener Autoren, der unter Buchmachern als Anwärter auf den Literaturnobelpreis hoch gehandelt wird. Seine Prosa ist legendär, seine eigentliche Leidenschaft gilt jedoch der Lyrik. Es sind wunderbar großsprecherische Texte über den Tod und den Traum vom unsterblichen Ruhm. Liebesgedichte an Natalie Wood und an die Musik, (die Beatles vor allem und immer wieder Bob Dylan, dessen Songtexte er ins Rumänische übersetzt hat). Es sind aber auch die Gedichte eines Flaneurs, der das Weichbild von Bukarest durchstreift. Verschwände diese Stadt eines Tages vom Erdboden, mit Hilfe von Cărtărescus Texten könnte man sie vollständig rekonstruieren.